Warum der künstliche, vorgeschmückte Weihnachtsbaum symbolisch für unsere Zeit ist
Letztens erzählte mir ein Freund, dass er einen fertig geschmückten Plastikweihnachtsbaum für seine Wohnung kaufen möchte, „um ein wenig Stimmung zu verbreiten.“ Ich nahm das als Anlass, darüber nachzudenken, was der Weihnachtsbaum und Weihnachten für mich bedeuten.
Die ersten Weihnachtsfeste, an die ich mich erinnern kann, fanden bei meinen Großeltern statt, in einem wundervollen Wohnzimmer in einem wundervollen Haus mit altem Parkettboden und abgelaufenen Orientteppichen. Je nachdem wie die Möbel arrangiert waren stand der Baum neben dem Ofen oder in einer Ecke, die vom Esstisch aus gut gesehen werden konnte. Wie ich dieses Haus und die Zeit, die ich dort verbrachte geliebt habe! Der Baum war immer so groß, dass die Spitze mit Stern die Decke berührte - gute dreieinhalb Meter. Sobald er in den Raum geholt wurde, verbreitete er seinen Duft nach dunklem Wald und schwarzer Erde. Dieser Duft stand im Einklang mit dunkelgrünen, glänzenden Nadeln. Meine Oma schmückte den Baum und mein Opa brachte die Kerzenhalter an, ich glaube, es waren solche, die in den Stamm gebohrt werden. Diese bestückte er mit weißen Kerzen, große Kerzen, die 8 Stunden brennen. Kurz vor 18 Uhr mussten dann alle das Zimmer verlassen und mein Opa zündete die Kerzen an. Wir haben entweder im Garderobenzimmer oder in der Küche oder in den Schlafzimmern im ersten Stock gewartet, ich war meist ungeduldig und hibbelig. Wenn endlich die kleine Glocke geläutet wurde, gingen wir ins Wohnzimmer, das nur vom Kerzenschein beleuchtet wurde. Tannenduft und Wachsgeruch vermischten sich und ergaben meinen Weihnachtsgeruch. Mein Opa stellte sich einen Stuhl neben den Baum und las die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vor. Mir kam das immer sehr lang vor, im Endeffekt ist sie aber ziemlich kurz. Danach wurden dann die Geschenke, die unter dem Baum lagen, verteilt und ausgepackt. Danach lockerte sich die Stimmung meistens und wir aßen.
Im Laufe der Zeit änderten sich einige Dinge. Wir feierten mal bei meiner Tante, irgendwann wurde der Baum kleiner und zu den echten Kerzen gesellte sich eine Lichterkette. Auch das Haus ist nicht mehr das Gleiche. Wir wechselten uns beim Vorlesen der Weihnachtsgeschichte ab und die Bescherung fand früher statt. Wir zündeten die Kerzen zusammen an. Ich verreiste über Heiligabend oder war bei anderen Familien eingeladen. Mittlerweile ist es zur Ausnahme geworden, dass meine Familie Heiligabend zusammen verbringt. Das mag mehrere Gründe haben und ich kann keinen davon wirklich von der Hand weisen. Trotzdem, gerade, wenn ich jetzt darüber nachdenke, fällt mir auf, wie sehr mir diese besondere Spannung fehlt. Die Aufregung, bevor ich den Raum betreten durfte und der goldene Glanz, der sich in den Fenstern spiegelte und obwohl wir keine Kirchgänger oder überhaupt religiös sind, hatte diese eine Bibelpassage ihren Platz. Ich muss sagen, dass ich das alles vermisse. Vielleicht sind meine Erinnerungen zu rosig, weil ich ein Kind war und mir die Anstrengungen und das Drumherum für die Erwachsenen nicht bewusst war. Vielleicht fehlt mir meine Familie, weil ich weit weg bin. Meine Sicht mag verklärt sein. Wer mag schon an Heiligabend für 9 oder 10 Leute kochen? Wer will sich freiwillig den hochkochenden Konflikten aussetzen? Wer will mit vollem Magen noch einmal hinaus in die Kälte und nach Hause fahren?
Ich freue mich diese Jahr auf Weihnachten wie schon lange nicht mehr. Letztes Jahr habe ich Heiligabend nicht mit meiner Familie gefeiert. Das Jahr davor habe ich in sehr kleinem Familienkreis gefeiert und das Jahr davor hatten wir noch einen lieben Menschen dabei. Dieses Jahr werde ich an Heiligabend zu Hause sein und am 25.12. meine Familie sehen. Ich bin froh, dass ich dem Weihnachtsterror dieses Jahr nicht ausgeliefert war - keine Fernseh- oder Radiowerbung, weniger Dekoration - die Franzosen gehen Weihnachten etwas nüchterner an, mehr als eine weitere Möglichkeit, etwas mehr zu verkaufen. Da ich lange nicht einkaufen war, sind mir solche Konfrontationen aber weitgehend erspart geblieben.
Ich kann nicht einmal genau sagen, warum ich mich so darauf freue. Ich denke, es liegt an den Menschen, mit denen ich es verbringen werde. Es ist besonders die Vorfreude, über die ich erstaunt bin. Lange habe ich keine wirkliche Vorfreude mehr verspürt und ich freue mich, dass ich es noch kann.
Im Kontrast dazu steht der vorgeschmückte Plastikweihnachtsbaum. Er steht für Xmas-to-Go, für Abzockangebote und Ratenkäufe, für teure Geschenke, die Einfallslosigkeit kaschieren sollen, aber auch für Menschen, die keine Zeit mehr haben, Weihnachten zu genießen, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind. Weihnachten kann fertig gekauft werden - maßgeschneidert und bequem. Ist das Fest vorbei, kann es komplett in eine Box gepackt und bis zum nächsten Jahr verstaut werden.
Gut, dass man Spannung und Vorfreude und Tannennadel-Wachs-Duft und eine vorgelesene Weihnachtsgeschichte nicht in einen Karton packen kann. Ich hoffe, dass jeder, der bis hier hin gelesen hat, seine eigene glückliche Weihnachtserinnerung hat, die auch einen vorgeschmückten Plastikweihnachtsbaum zu etwas Besonderen machen.
Frohe Weihnachten